Vor 75 Jahren: Erstmals die "Bayerische Nordische" in Rottach-Egern
Schwierige Strecke und rustikale Techniken: Schneepflugfahren, Steckenreiten, Arschbackenbremse und Umwachseln

Das trifft sich gut. Zusammen mit der Int. Deutschen Meisterschaft im Sprint 2001 kann der Ski-Club Rottach-Egern ein kleines Jubiläum feiern. Denn 75 Jahre vorher, am 23./24. Januar 1926 hat der damals schon recht rührige Club unter dem unvergessenen Gustl Moschner die Bayerischen Nordischen Skimeisterschaften durchgeführt.

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Gustl Moschner
Gründungsvorstand des Ski-Clubs
Es waren große Tage für Rottach-Egern und anstrengende für die Leute vom Ski-Club. In der Chronik ist zu lesen, dass der gesamte Ort festlich geschmückt war und dass die Mitglieder des Ski-Clubs sogar das Bahnhofsgebäude in Tegernsee herausgeputzt haben, um den 119 Teilnehmern einen freundlichen Empfang zu bereiten. Sie wurden am Bahnhof auf bereit stehende Schlitten (Schloapfen) verfrachtet und von den Rottacher Bauern mit ihren Rössern zum Wettkampfort gebracht.

Für das Herrichten der 18-Kilometer-Strecke, die von Kreuth - Wildbad Kreuth -Schwaigeralm - Weissachau (Pförner Brücke) - hinauf zum Marmorbruch in Enterbach und von dort am Fuße des Ringbergs entlang zum Ziel in Weissach führte , mußten gut und gerne 50 Helfer zwei Tage lang schuften. Eine Spurmannschaft auf Tourenskieren legte die Loipe.

Etwa zehn Mann für die eigentliche Spur und weitere jeweils fünf zu beiden Seiten für die "Stockspur". Unsere Langlauf-Großväter benutzten zwar Haselnuß-Skistöcke mit Abstütz-Tellern, so groß wie ein Squash-Schläger, die aber bei lockerem Neuschnee eher hinderlich waren..Bei Schneefall mußte die Strecke immer wieder neu durchlaufen werden Sie wurde zudem mit Papierfähnchen (von "Pigmentan".) abgesteckt, die bei den Buben hoch im Kurs standen und nach dem Lauf abgeräumt wurden.
Langlauf war damals eine echte Schinderei. Das Material primitiv, die Kleidung unpraktisch, ein gezieltes Vorbereitungstraining gab es nicht. Größtes Problem war das Wachsen der hölzernen Latten. Die falsche Wahl des Wachses konnte bei Wechselschnee zum "Aufstollen"führen, d.h. die Skier "klaubten" den Schnee auf. Dann sah man fluchende Teilnehmer, die ihre Skistöcke quer über die Loipe legten und versuchten, Schnee (und Eis) von der Laufsohle abzustreifen. Andere waren dabei, mit dem Messer Hartschnee und alten Klister abzukratzen und neu zu wachseln. Eine Viertelstunde konnte dabei draufgehen. Die aber war schnell wieder hereingelaufen, wenn der Ski gut lief. Wie überhaupt bei längeren Strecken Zeitabstände von einer Stunde durchaus an der Tagesordnung waren. skigr75.jpg (33432 bytes)
Skiläufergruppe um 1910
Geradezu unmöglich war es damals, während des Laufes etwa einen Schluck Wasser zu nehmen. Das, so war die Lehrmeinung, führe zum Verlust von Kraft und Ausdauer. Dagegen sollte eine Speckschwarte als Art Kaugummi Wunder wirken. Die Finnen, so hieß es, seien deshalb so stark.

Der Müller Gustl von Bayrischzell war damals in Bayern unschlagbar und er wurde auch 1926 in Rottach-Egern Sieger. Die Jahre darauf erwuchs ihm mit Georg (Schorsch) Hagn, einem jungen Rottacher ernsthafte Konkurrenz. Der Schorsch tauchte plötzlich aus dem Nichts auf und lief sich in die bayerische Auswahl. Er zelebrierte seinen Zieleinlauf vor Publikum immer mit lauten Rufen und feuerte sich selbst an: "Hagn, kämpfen, auf gehts, los, kämpfen." Bis ins hohe Alter blieb er dem Langlauf treu. Als Lüftlmaler war es ein Künstler. Zahllose Fresken im Tegernseer Tal und darüber hinaus erinnern uns an ihn.

Rottach-Egern wurde mit der Ski-Erschließung des Wallbergs später mehr zu einer Hochburg des alpinen Skilaufs. Immer noch hält Toni Sailer den Streckenrekord auf der berühmt-berüchigten "Standard"-Abfahrt (2,20 Min).Niemand wird dieser Zeit jemals unterbieten, denn die einstige FIS-Strecke wurde zur Hobby-Abfahrt für anspruchsvolle Läufer.

 

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Beni Obermüller (geb. 1930)
SC Rottach-Egern
Mehrfacher Alpiner Skimeister und Vize-Weltmeister 1954
Seit einigen Jahren kommt der Langlauf wieder zu Ehren. Auf der "Sutten" im Valepper Tal entstand in 1000 m Seehöhe ein sportlich anspruchsvolles, schneesicheres Langlaufzentrum und auf den weiten Wiesen im Talgrund locken herrliche Ski- und Skating-Loipen zum genußvollen Lauf Die Bayerische Meisterschaft im vorigen Winter wurde vorbildlich abgewickelt und hat dem SCRE Anerkennung von allen Seiten gebracht. Wie schon damals, vor 75 Jahren. Tradition verpflichtet. Deshalb wird die "Int. Deutsche Meisterschaft -"SPRINT 2001"dem Club und dem Ort mit einer langlaufbegeisterten Bürgerschaft weiteren Auftrieb für diesen schönen Sport bringen. Wir freuen uns darauf.

Hans Sollacher